Puppen sind Mädchenkram?

Ich habe lange nachgedacht, diesen Post überhaupt zu schreiben. Habe ich mich doch dazu entschlossen. Denn eigentlich bedarf es keines Artikels oder Worte, dass Puppen selbstverständlich auch für Jungs wichtig sind. Ich finde es erschreckend welches Klischee und welche Vorurteile immer noch allgegenwärtig sind. Auch einige verunsicherte Kommentare zu meinem letzten Gewinnspiel haben mich bewegt, diesen Artikel zu schreiben

Die Frage: „Dürfen eure Jungs mit Puppen spielen?“ trifft man oft in Foren an und solche Antworten:

Mutter: “Ich habe gestern ohne groß darüber nachzudenken zu meinem Mann gesagt, ich glaube, ich kaufe unserem Sohn 9 Monate eine Puppe. Woraufhin dieser entsetzt antwortete, ich will doch nicht dass er homosexuell wird! Quelle: Frage aus einem Forum

„Mein Mann hält natürlich gar nichts davon und sagt damit spielen nur Mädchen,dann ist Tim traurig und fragt mich ob er sich die beim Weihnachtsmann wünschen kann?! „Quelle: Frage aus einem Forum

Warum musst du dir überhaupt die Frage stellen, ob dein Junge mit Puppen spielen darf? Ob es richtig oder falsch ist? Du würdest doch auch nicht auf die Idee, kommen, deiner Tochter die Bauklötze vorzuenthalten.
Jungs werden homosexuell, wenn sie mit Puppen spielen? Dann werden aus ihnen keine „echten“ Männer? Die geschlechtliche Neigung hat doch nichts mit dem angebotenen Spielzeug oder der getragenen Kleidung zu tun. Jungs werden später weder schwul noch werden sie Probleme haben, sich als Mann wahrzunehmen, nur weil sie als Kind mit Puppen gespielt haben. Außerdem ist das doch nichts schlimmes, davor muss man doch keine Angst haben. So etwas zu lesen macht mich als Jungsmama und als Puppenmacherin unendlich traurig.

Dabei ist es so wichtig, dass Kinder eine Puppe haben. Warum, kannst du gern hier nachlesen *klick*

kleiner Junge kuschelt mit einer Babypuppe aus Stoff
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Auch Jungs sollten öfter mit Puppen spielen

Wir alle bewundern die liebevollen Väter, die bei der Kindererziehung mithelfen, das Baby wickeln , es füttern, zu Bett bringen und eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. Wir sind alle froh, wenn wir so ein wundervolles Exemplar unser eigen nennen.
Woher sollen die Jungs das aber alles wissen, wenn sie es nicht lernen dürfen?

Nur mit einer Puppe kann das Kind all diese Dinge üben. Denn laut Entwicklungspsychologin Insa Fooken ist eine Puppe der Schlüssel zu Identität und Menschwerdung. Kinder könnten ihre Emotionen in sie legen, mit ihnen Erlebtes in Rollenspielen nachstellen, verändern, so tun, als ob.

Ähnlich sieht das die Mannheimer Diplompädagogin Gabriele Pohl vom Kaspar Hauser Institut für heilende Pädagogik: „Mit der Puppe geht das Kind durch Höhen und Tiefen. An ihr übt es sich in Empathie und sozialer Intelligenz.“ Die knuddelige Puppe zum Liebhaben gehöre deshalb in jedes Kinderzimmer, auch in das von Jungs: „Die werden später ja auch nicht Väter von Schlappohrhasen und Zottelbären.“

Klar kannst du mir jetzt mit dem Argument kommen: „Ich habe als Kind auch nicht mit Puppen gespielt und bin trotzdem ein liebevoller Vater.“ Ich habe ja auch nicht gesagt, dass nur Jungs, die mit Puppen spielen liebevolle Papas werden. Aber warum hast du nicht mit Puppen gespielt? Ich geh mal davon aus, dass es nicht allein deine Entscheidung war.

Ich kann nur von meinen Kindern berichten. Unserem ältesten haben wir eine Living Puppets Handpuppe geschenkt, die ihn überallhin begleitet und mit der er tolle Geschichten erzählt hat. Bert war sein bester Kumpel. Der mittlere hat sich einfach meine alte Babypuppe von der Oma mitgebracht und mit der Nachbarstochter Rollenspiele wie Vater, Mutter, Kind gespielt.

Ich bin der Meinung, wir sollten unsere Kinder selbst entscheiden lassen, ob sie mit Puppen spielen wollen oder nicht. Wir sollten sowohl den Mädchen als auch den Jungen eine Puppe an die Seite geben. Egal was die anderen sagen oder was es für Konventionen gibt. Denn Puppen sind mehr als nur ein Spielgefährte.

Pappa spielt mit Sohn Puppentheater
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Alte Konventionen abschütteln

Ich sehe das genauso wie Ella von Ringelmietz, die mir liebenswerter Weise einige ihre Bilder zur Verfügung gestellt hat

„Meine Jungs haben von Anfang an beides angeboten bekommen – und sie stehen eindeutig eher auf die Puppen. Es sind die Puppen, die überallhin mitmüssen, die im Buggy umhergeschoben werden, die in der Straßenbahn einen eigenen Platz brauchen. Die Abends ins Bett gebracht und zugedeckt werden müssen, denen ich im Herbst wärmere Kleidung stricken und Schuhe häkeln muss, weil sie ja nicht frieren sollen. Es sind die Puppen, mit denen Zwiegespräche geführt und die getröstet werden, die Bauchweh haben und ab und zu mal verarztet werden müssen. “

„Aber zum Glück gibt es da draußen noch Jungsmamas, die auf althergebrachte Gepflogenheiten pfeifen und ihren Jungen einen kleinen Puppenkumpel an die Seite geben.“

Ella

Ringelmietz - politisches Handarbeitsblog und Quiltwerkstatt

In ihrem Artikel *klick* beschreibt sie sehr einfühlsam die Beziehung ihrer Jungs zu ihren Puppen. Ellas Blog kann ich euch nur wärmstens empfehlen. Ihr Schreibstil ist einfach fantastisch und ich habe schon das ein oder andere Mal herzlich gelacht. Ihre handgemachten Quilts sind ein Traum.

 

kleiner Junge kuschelt mit einer Babypuppe aus Stoff
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Jungen lieben Puppen genauso sehr wie Mädchen

In meinem Spielzeugladen konnte ich immer wieder beobachten, dass sowohl die Jungen als auch die Mädchen gleichermaßen sich auf unser ausgestelltes Puppenhaus stürzten und ganz vertieft damit spielten. Oder sie machten mit dem Puppenbuggy den Laden unsicher. Die Mamas konnten in der Zwischenzeit entspannt shoppen. Sie hatten nur leider ein Problem, wenn es nach Hause gehen sollte. Dann gab es in der Regel Gebrüll: „ Will auch so einen Puppenwagen mit einer Puppi!“

Früher galten Puppen als reines Mädchenspielzeug. Die Mädchen sollten so auf ihre spätere Rolle der Hausfrau und Mutter vorbereitet werden. Für Jungen war das Puppenspiel verpönt. Aber die Zeiten haben sich zum Glück geändert und diese Trennung als geschlechtsspezifisches Spielzeug  gibt es heute nicht mehr.Jungen lieben Puppen genauso sehr wie Mädchen. Auch Jungs wollen einen Kumpel zum spielen, einen Freund, einen Tröster. Auch sie lieben es, die Puppe zu wickeln, zu füttern und im Arm zu wiegen oder im Puppenwagen spazieren zu fahren.
Gerade für Kleinkinder haben Puppen häufig den Vorteil gegenüber Kuscheltieren, dass in ihnen die Mama, der Papa oder das Geschwister gesehen werden, sodass mit ihnen im (Rollen-)Spiel unverstandene, alltägliche Situationen leichter verarbeitet und nachgespielt werden können – warum dies also nur für Mädchen? Jungs mit Puppe + Puppenwagen sind zum Glück keine Sonderheit mehr. Und Väter die Kinderwagen schieben auch nicht.

Wenn also dein Sohn sich für Puppen interessiert, musst du dir keine Sorgen machen. Ganz im Gegenteil motiviere ihn und unterstütze ihn dabei, für seine Puppe da zu sein. Er wird mit der Holzeisenbahn oder seinem Bagger genauso gern spielen .

kleiner Junge kuschelt mit einer Babypuppe aus Stoff
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Ich wünsche mir sehr, dass du durch meinen Post all die Vorteile entdecken kannst, dass ein Kind  in unterschiedliche Rollen schlüpfen und viele verschiedene Dinge kennen lernen und spielen darf.
Wie siehst Du das? Ich würde mich freuen, wenn du mich an deinen Gedanken zu diesem Thema teilhaben lässt.

Liebe Grüße aus der Puppenwerkstatt
Deine Christine

(Bilderquellen: mit freundlicher Genehmigung von Ella Hartmann – Ringelmietz und Ellis Puppen.de)

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